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Die grün-gelbe Welt der Kugelbäume
von Helmuth Andics

Sein erstes Bild sah ich, bevor ich ihn noch kennen gelernt hatte. Grün-gelb, Wiesen und Getreidefelder in Streifen nebeneinander, mit sonderlich kreisrund geformten Wiesen bestückt. "Wer nicht glaubt, dass es im Burgenland Kugelbäume gibt, kann sie auf Harro Pirchs Bildern sehen" - so, so ähnlich zumindest, schrieb einmal ein gemeinsamer Freund, Jan Rys. Wer von Pilgersdorf nach Unterrabnitz fährt, erblickt von der Höhe des dazwischenliegenden Mugels genau diese Landschaft, grün-gelb, mit Kugelbäumen. Ich bin den Weg schon hunderte Male gefahren; das Gspür des Harro Pirch für dieses Stück Burgenland fasziniert mich immer wieder. Was den Harro Pirch betrifft, ihn auch. Immer wieder kehrt er zu seiner grün-gelben Welt der Kugelbäume zurück.

Die Bilder des Malers Harro Pirch. Abstrahierender Realismus. Über das Augenfällige hinaus, sucht Harro Pirch die wahre Natur. Streifen und Kreise sind die Hieroglyphen seiner Gegenden. Für ihn ist solche "Gegend" nicht lieblich, sondern streng, beherrschend. Um die gesetzmäßige Strenge spürbar zu machen, ging er zeitweise so weit, Bilder in schmale Streifen zu schneiden und die bemalten Papierbahnen aneinander zu reihen. Lange Zeit ließ er dabei zwei Farben dominieren: Neapelgelb und Chromoxidgrün. Auch diese Farben waren Hieroglyphen seiner Bilderschrift: Sie standen für sommerliche Lebenslust: Ausdruck der Stimmung im mittelburgenländischen Rabnitztal, wo er im Turmhaus eines ehenaligen Batthyany-Kastells zu Hause ist. Pastellgrau kam später als dritte "Farbe" dazu, Ergebnis von fünf Jahren Aufenthalt in der Türkei, als Kunsterzieher am österreichischen St Georgs Kolleg in Istanbul. Vom Herbst bis zum Frühsommer lastet über dem Bosporus der Smog. Jetzt ist Pirch schon seit Jahren wieder zurück, doch die Türkei hat ihn nicht losgelassen. Für ein paar sommerwochen übersiedelt er auf die Insel Burgaz im Marmarameer.

Den Bildern des Harro Pirch ist die jeweilige Empfindung anzusehen. Denen vor einem Vierteljehrhundert ebenso wie den Jüngsten. In dem Vierteljahrhundert, in dem ich selbst Pirch nun schon kenne, konnte ich feststellen: Er hat sich nicht verändert, nur geändert. Weiter entwickelt. Jede seiner Arbeiten dokumentiert eine andere Seite desselben (aber nicht des Gleichen) unverwechselbaren Harro Pirch. Ob Unterrabnitz oder Burgaz, eine mittelburgenländische Landschaft oder die Silhouette von Istanbul, seine jeweilige persönliche erfahrung drückt sich im Farbwechsel aus. Umwelt, durch Übermalungen ergänzt. Der Mensch übermalt den Schmutz der ihm aufgezwungenen Lebensart mit dem Leuchten seiner Lebensfreude. Über den strengen Strukturen der Landschaft liegt ein Schleier von Täuschungen, Selbsttäuschungen und enttäuschungen. Istanbul mit seiner Vernebelung der Klarheit war ganz offensichtlich nötig, um Pirch den durchblick zu verschaffen: Die Wahrheit kommt durch das Fenster unseres guten Willens, sie zu erkennen und zu verstehen. So rahmt Pirch manche Blätter mit Blattgold und Blattsilber. Sehnsucht nach Licht im Alltagsgrau. Unter Weglassung unverbindlicher Hintergründe. Seine Bilder aus einem Vierteljahrundert zeigen den geradlinigen Weg aus dem Dunkel ins Helle. Ich weiß nicht, ob er selbst das weiß. Ob er meine Empfindung so hervorrufen will. Ich empfinde seine Landschaften jedenfalls so, und ich glaube, dass es auf diese persönliche Empfindung ankommt. So erst wird ein Bild zum einzigartigen Original für jeden einzelnen Betrachter.

Harro Pirch: In der Steiermark geboren, in Niederösterreich als HTL-Lehrer tätig, im Burgenlang zu Hause. Ein Burgenländer? Kunst, die im Burgenland entsteht, vor allem Malerei und Keramik, ist heute über das Burgenland hinaus bekannt und geschätzt, über Österreich hinaus, dessen kleinster, der Bevölkerung nach, und östlichster Grenzstreifen diese Region ist. Kunst aus dem Burgenland ist nicht gleich "Burgenländische Kunst". Nicht jeder burgenländische Künstler ist Burgenländer von Geburt. Auch wenn sich burgenländische Landschaftsform und Siedlungsformation immer wieder als Motiv finden, so gibt es doch keine speziell "burgenländische" Kunst - keine burgenländische Malerschule, keinen durch historische Tradition oder gesellschaftliche Strukturen einheitlich geprägten Stil. Um das Burgenland und seine Kunst zu begreifen, genügt kein Tagesausflug an den Neusiedlersee mit stroh- oder schilfgedeckten Häusern und ungarischer Küche. Der Restbestandteil an solchen Häusern ist heute denkmalgeschützte Rarität, und südlich des Sees dehnt sich das Burgenland noch 15o Kilometer weiter südwärts in ein Hügelland - was bleibt, ist der Wein bis hinunter in den Zipfel zwischen steirischer und slowenischer Grenze. Und die dichte der künstlerischen Besiedlung.

Ein multikultureller Landstrich; deutsch, krotisch und ungarisch.

Exemplarisch für die Szene sind die von Harro Pirch alljährlich veranstalteten Rabnitztaler Malerwochen. 1971 lud er einige seiner Freunde für einige sommerwochen in sein Turmhaus. Dort sollten sie malen, zeichnen, töpfern, fotografieren, schreiben, ungestört vom äußeren erfolgszwang, etwas abliefern zu müssen. Was ihnen gerade einfiel. Aus dem Einfall, sich ein gemeinsames Urlaubsvergnügen zu machen, wurde die Idee, Künstler verschiedenster Stilarten bis zur diametralen Gegensätzlichkeit nebeneinander arbeiten zu alssen. Keine Sommerakademie - hier wollte und will bis heute keiner den anderen etwas lehren. Kein Symposion, bei dem einer den anderen informieren wollte. Es fehlte von Anfang an jede Regelung des gegenteiligen Mitteilungsbedürfnisses, obwohl oft mehr geredet als gemalt wurde. Kommen und gehen, wann man will, und machen, was man will - ein sich selbst zum Dauerzustand organisierendes Chaos. Dass es ein fruchtbarer Dauerzustand war, zeigte die Ausbeute bei den Präsentationen zum alljährlichen Abschluss. Das 25 Jahre-Jubiläum wurde 1995 begangen. Was so lange existiert, beweist allein schon durch die existenz seinen Sinn.

Ich bin mit Harro Pirch durch die Lande gefahren, als Chronist, der von ihm veranstalteten Ausstellungen von Kunst aus dem Burgenland und damit seines, mich immer wieder verblüffenden Tätigkeitsdrangs. Wir waren in Estland bei Jüri Kask und Mari Kurismaa, die mehrere sommer hindurch in Unterrabnitz gemalt haben. Wir waren bei den von Harro Pirch organisierten Ausstellungen "Kunst aus dem Burgenland" im belgischen Mechelen, wo es eine Vereinigung von Freunden des Burgenlands gibt, und in Bayreuth, der Wagner-Stadt mit ihrer engen kulturellen Bindung an die burgenländische Liszt-Stätten. Und in der Türkei natürlich. Da saßen die drei Burgenländer Harro Pirch, Sepp Laubner und Eduard Sauerzopf nebeneinander und malten, zeichneten die Hagia Sophia. Die drei Blätter von damals hängen jetzt nebeneinander bei mir zu Hause.

Eine junge Wiener Journalistin, die mich interviewte, fragte mich: "Was macht ein Schriftsteller Jahr für Jahr unter Malern, Keramikern, Fotografen?" Ich zeigte ihr die drei Istanbul-Blätter. "Das mache ich. Ich schaue zu und bemühe mich zu verstehen, warum ein und derselben Anblick dreimal anders gesehen werden kann. Ich habe auch diese jeweils ein bis drei Wochen in Unterrabnitz als Disziplinierung betrachtet. Zu sehen, wie ein Maler malt und zu versuchen, farbe, Form eines Gegenstandes, einer Landschaft oder einer Stimmung, die er ins Bild setzt, in Sprache umzusetzen. Also, ganz primitiv: Wenn der dort auf dem Stockerl gesessen ist und hat rot, grün, blau, wie auch immer, gemalt, habe ich versucht, das, was er malt, zu beschreiben. Wie würde ich das in Worten ausdrücken? Was der in Farbe und Form sieht, versuche ich in Sprache auszudrücken. Ich war auch dauernd dabei, mit denen zu reden: In ständigem Gespräch mit den Leuten, um die empfindung des Künstlers und die Umsetzung seines Vorbildes ins Bild zu begreifen, zu erfassen und zu beschreiben..."

Harro Pirch: Für mich ein Lehrbeispiel. Ein Maler, der malt und, wenn's gut geht, seine Bilder verkauft, und nicht nur darauf aus ist, angekauft zu werden. Keiner jener haute so häufigen Erfüllungsgehilfen des öffentlichen Kulturauftrags, die nur noch am direktverkehr zwischen Künstlern und Subventionsgebern interessiert sind. Sondern: Künstler aus Berufung.


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