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DIE NATUR IST DAS MASS

Wenn auch die Natur das Maß aller Dinge ist, so versteht Lothar Bruckmeier seine Malerei doch weniger als gegenständliche Betrachtung der Natur in Feld, Wald und Wiese, sondern als Erinnerung. Deshalb setzt er sich auch nicht mit der Staffelei in die Landschaft, sondern findet seine Bildinhalte in der Stille des Ateliers, allein mit sich und der Leinwand. Um seine Bilder zu malen, würde ihn die Unmittelbarkeit der Natur eher stören, er braucht die Einsamkeit, um seine inneren Bilder zu finden. Erinnerungen tauchen auf, Bilder der Kindheit beispielsweise, das frisch gestochene Torf im Moor, der Geruch, die Weichheit des Bodens, die Gefahr des Moores mit seinen unergründlichen Tiefen, seinen Legenden und Ängsten. Aber auch Erinnerungen an Wälder, Blumenwiesen, einzelne Bäume in wechselnder Tages- und Jahreszeit. Lothar Bruckmeier erinnert sich mit Farbe und Licht, schafft aus seinen inneren Bilder die Stimmung und die Atmosphäre, die sich ihm eingeprägt haben. Es ist seine Innensicht, die er preisgibt und er ist überzeugt davon, dass die Kraft für jedes Tun aus dem Unbewussten kommt, das ins Bewusste verwandelt wird. Es malt, weiß er aus seiner langen malerischen Erfahrung, und er versteht den künstlerischen Prozess als einen meditativen Prozess, als die geheimnisvolle Übersetzung aus Geschautem und Erlebtem in die Kunst. "Ich male nur für mich", sagt er: "es geht mir um das Tun, um das Malen, da kommt auch alles wieder, was in einem drinnen ist". Er will nichts, sagt er, nur die Arbeit machen, er denkt nicht über das Bild hinaus, an Ausstellungen oder Verkäufe, es ist dieses innere "Du musst" von dem Friedrich Nietzsche spricht, das den Künstler ausmacht, ihn von einem Werk zum anderen treibt und im Prozess des Künstlerischen seine innere Freiheit und geistige Befriedigung finden lässt.

Kunst, so wie Lothar Bruckmeier sie betreibt und versteht, ist ein permanenter Neubeginn. So kann seine Malerei nie zur Routine werden, denn jedes Bild ist ein Schritt auf dem Weg zu einem Ziel, das immer wieder neu erobert werden will, das er zwar nicht genau definieren kann, dem sich der Maler aber mit unterschiedlichem Bewusstseinszustand mit jedem Bild nähert. Genauso wie Erinnerungen das Bild beeinflussen, so auch die tägliche Gestimmtheit. Es ist ein Unterschied ob der Maler traurig ist oder heiter, düster und schwer, oder ob er mutig und neugierig ein Bild beginnt oder an einem anderen weitermalt. Und wenn sich bei Bruckmeier auch alles um die menschen- und architekturleere Natur dreht - ist doch jedes Bild, jedes Experiment mit Farbe, Material und Form, jedes neue Thema - ein Teil der lebenslangen Suche, die der Künstler als das Wesentliche des Lebens überhaupt erkannt hat.

So ist auch seine Technik zu verstehen. In zahllosen Schichten er-malt sich Bruckmeier seine Bilder, seine grossen Aquarelle, seine Ölbilder, er ordnet Hell und Dunkel, und verlässt sich darauf, dass "das Bild mir sagt, was ich tun muss". Er legt eine nächste und eine übernächste Schicht auf die Leinwand oder das Papier, bis jene Stimmung erreicht ist, die ihm richtig erscheint, - was nicht heißt, dass er das Bild nicht später noch einmal übermalt, wenn sein stets kritischer Geist es von ihm verlangt.

Es sind scheinbar ganz einfache Dinge, die Lothar Bruckmeier von sich und seiner Kunst fordert. So sagt er: "Man braucht Selbstbewusstsein und zugleich Demut", "Kunst muss Freude machen", "Kunst muss menschlich sein", "Kunst muss ein Gefühl erzeugen - beim Künstler selbst und beim Betrachter", "Nur die Kunst ist wichtig, der Künstler muss völlig hinter sie zurücktreten, muss seine ganze Konzentration und sein Engagement ihr widmen". Vierundzwanzig Stunden täglich, ein Leben lang. Können, so meint Bruckmeier, ist zwar Voraussetzung, aber nicht Ziel.

Das Ziel wäre beispielsweise nicht ein springendes Pferd zu malen - da sei die Realität des springenden Pferdes schöner - sondern die Empfindung eines springenden Pferdes zu vermitteln. So zeigen seine Landschaftsbilder eben nicht irgendeine reale Landschaft, sondern die Empfindung, die der Maler vermitteln möchte, das, was er selbst beim erinnernden Denken an die Landschaft empfindet. Es ist daher verständlich, dass es Lothar Bruckmeier nicht um eine Abbildung der Natur geht, sondern um einen geistigen Diskurs mit ihr.

Material kann vieles sein, Aquarell- und Ölfarben, Japanpapier und Leinwand vor allem, aber auch Fetzen, Holz oder zerknülltes Papier für Collagen, selbst Sand ist Material, wenn es gilt besonders strukturstarke Arbeiten zu schaffen. Bei der Arbeit selbst geht es nur um die Konzentration auf das augenblickliche Tun. Es geht um den bewusst-unbewussten Schaffensprozess, das kritische und intellektuelle Nachdenken kommt erst später. Dann wird verworfen oder akzeptiert, dann weiss er erst, ob das Bild in einem Wurf "fertig" ist, oder ob es wiederum Zeit braucht zum Reifen und Gelingen. Dann erst erhält es auch einen Titel, der sich aus der Stimmung, der Beobachtung und der Analyse des Bildes ergibt.

Längst gehört aber Lothar Bruckmeier zu jenen österreichischen Malern, die nicht nur anerkannt sind, deren Werk mit Preisen bedacht und mit Ehrungen gerühmt, das in Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt wird und in öffentlichen und privaten Sammlungen zu finden ist, sondern der eine Autorität darstellt. Und es ist nicht nur seine künstlerische Leistung, sondern auch seine moralische und geistige Integrität, die ihn auszeichnen und ihm einen Platz in der österreichischen Kunstgeschichte sichern.

Angelica Bäumer


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