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Christine Eberl
Chaos und Spirale

Meine neueren Arbeiten sind weitgehend geprägt von der dominanten Symbolik des Kreuzes und der Spirale. Kreuze erscheinen sowohl direkt materiell, in der Form von verbrannten Holzkreuzen, teilweise mit Trafos aus der Elektrotechnik kombiniert, die zentral auf die Leinwände montiert sind, als auch verschwindend im zarten Hintergrund gemalt. In manchen Bildern drängt sich das Kreuz dominant in den Vordergrund, in anderen ist es nur undeutlich erahnbar. Das Kreuz, hier meist in der Proportion des christlichen Symbols, signalisiert den Tod des Menschen, physisch und psychisch, aber auch die Geburt Gottes im weitesten Sinne. Die zusätzliche Komponente des verbrannten, alten Holzes deutet auf Läuterung durch die Flammen, Reinigung und Wiederauferstehung aus der Asche.

In diesem Sinne sind auch die Transformatoren aus der Elektrotechnik zu verstehen, die auf einige Bilder montiert sind. Transformation, Wandlung, Übergang von einer niederen Bewusstseinsebene in eine höhere.

All diese Vorgänge sind mit Schmerz verbunden, ein Faktor, der wesentliches Thema in fast allen meinen neueren Arbeiten ist. Schmerz wird assoziiert beim Gedanken an den leidenden Christus am Kreuz, ebenso beim Anblick blutig eitriger Wundpflaster und Mullbinden, die in verschiedenen Anordnungen auf den Bildern vorkommen. Verband bedeutet aber auch Abdecken von frischen Wunden, Verdrängen der eigenen Verletzlichkeit, genauso wie Linderung der Schmerzen und Heilung. Weiterleben mit der Erfahrung erlebten Leides. Die vorherrschende Farbe Rot symbolisiert Blut und damit Schmerz, Tod, aber auch Leben. Zirkulation als notwendiger Lebensprozess, Ausbluten, Aderlass, Reinigung. Als Spuren dieser Prozesse bleiben Narben zurück, körperliche und seelische. Narben können schön sein, machen Menschen interessant, andererseits behindern sie aber den Energiefluss im Körper und sind somit Zeichen von vergangener Verletzung.

Spuren von Vergangenem sind schon lange ein Thema in meinen Arbeiten. Spuren des Alterns, der Zeit, üben eine ungeahnte Faszination aus. In den neueren Bildern findet man alte, oft rostige Fundstücke aus einem ausgetrockneten Flussbett oder aus dem Wald. Jedes Stück hat eine eigene, mir unbekannte, Geschichte. Diese Geschichte brachte es auf mir unbekannte Weise an genau jenen Ort, an dem ich es fand. Das Geheimnisvolle dieser, von den meisten Menschen als Müll betrachteten Gegenstände, will ich in meine Bilder aufnehmen. Durch das bewusste Herausheben der achtlos weggeworfenen Dinge, deren ursprüngliche Funktion oft gar nicht mehr erkennbar ist, erlangen sie plötzlich eine ungeheure Aufwertung, werden zu kostbaren Unikaten, denen schließlich ein ganz spezieller Platz in meinen Bildern zugewiesen wird. Oft sind auch meine Arbeiten rund um diese Fundstücke herum komponiert.

Besonders häufig erscheinen rostige Eisenteile, wobei neben der Form, oft Kreis oder Spirale, das Element Rost die wesentliche Aussage trägt. Die schwermütige Schönheit dieses offensichtlichsten Zeichen der Vergänglichkeit ist für mich heute ein genauso wichtiges Gestaltungsmittel, wie es in früheren Bildern die Arbeit mit Spiegeln, beziehungsweise Spiegelteilchen war. Rost ist jedoch im Gegensatz zu Spiegeln allgemein negativ belegt, gilt als nicht wünschenswert, ja sogar hässlich und schlecht. Für mich signalisiert er die äußere Erscheinungsform von inneren chemischen Prozessen, eine nichts beschönigende, aber deswegen umso schönere Transparenz zwischen innen und außen, ein Zeichen von Wandlung.

Metamorphose, Wandlung sind grundlegende Lebensprozesse, auf die ich immer wieder zurückkomme. Die in den Bildern häufig erscheinende Spirale ist als Symbol dafür zu verstehen. In scheinbar chaotischer Ordnung entwickelt sich Leben weiter. Wir müssen Chaos zulassen, um zu einer höheren Identität zu gelangen. Unser hartnäckiges Streben nach Ordnung behindert unseren Fortschritt. Zufälligkeit als Grundprinzip. "Um frei sein zu können, muss man jedoch bereit sein, auf den Stromschnellen des Chaos zu reiten."



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